Warum Ausrichtung nach Osten (ad orientem)?

Im klassischen römischen Ritus ist die übliche Zelebrations- bzw. Gebetsrichtung „versus Deum“ („zu Gott hin“) bzw. „versus crucem“ („zum Kreuz hin“). Gemeinde und Priester stehen gemeinsam auf das Kreuz des Altares hin ausgerichtet. Eine Reihe von Gründen hat dazu beigetragen, dass sich im christlichen Gottesdienst bereits seit frühester Zeit diese Gebetsrichtung nach Osten (ad orientem) etabliert hat.


Das Erwarten der Wiederkunft Christi

Schon in der Antike wurden die meisten Kirchen mit dem Altar nach Osten hin gebaut, da die frühen Christen die Wiederkunft Christi vom Osten her, als der Himmelsrichtung des Sonnenaufgangs, erwarten. Die aufgehende Sonne ist das Symbol für Jesus Christus, der Licht und Leben in die Welt bringt (vgl. Joh 8, 12: Jesus sagt: „Ich bin das Licht der Welt.“). Egal, ob eine Kirche geostet ist oder nicht, die Christen erwarten die Wiederkunft Jesu am Ende der Tage aus dem Osten.
Aus diesem Grund beten sie im Gottesdienst in diese Himmelsrichtung und feiern die Liturgie seit frühester Zeit nach Osten hin. Bereits für Tertullian ist das Gebet nach Osten im Jahr 197 Normalität und er beschreibt in seinem Apologeticum (c. 16), dass die Christen in Richtung der aufgehenden Sonne hin beten. Von Augustinus wissen wir:

„Wenn wir zum Gebet aufstehen, kehren wir uns nach Osten, von wo der Himmel sich erhebt. Nicht als ob Gott dort wäre und er die anderen Weltgegenden verlassen hätte (…), sondern damit der Geist ermahnt werde, zu einer höheren Natur sich zu bekehren, nämlich zu Gott.“ (Augustinus von Hippo, De serm. D. II, 18)

Ebenfalls war es im antiken heidnischen Sonnenkult üblich, sich zum Gebet nach Osten hin zu wenden, was die Christen vermutlich übernahmen und auf Jesus Christus umdeuteten.


Betonung des objektiven Charakters der Liturgie

Gebetsrichtung nach Osten (ad orientem)
Gebetsrichtung nach Osten (ad orientem)

In diesem Ausdruck der eschatologischen Sehnsucht nach dem kommenden Herrn zelebriert der Priester das hl. Messopfer „ad Dominum“ („zum Herrn hin“), wobei die betende Gemeinde auf Christus ausgerichtet mitfeiert. Alle Anwesenden sind in diese Feier des Kreuzesopfers eingeschlossen und auf Christus zentriert. Zur eucharistischen Wandlung brauchen die Gläubigen nicht das Gesicht des Priesters sehen und sind so weniger von der Person des Priesters abgelenkt, der in jeder Messfeier auf dem Altar das unblutige Kreuzesopfer in persona christi gegenwärtig setzt. In der frühen Kirche war der Altarraum während des Eucharistiegebetes zudem mit einem Vorhang (woraus sich die Ikonostase in der Ostkirche und der Lettner entwickelt haben) verdeckt. Auf diese Weise konnte die Gemeinde keinen Blick auf den am Altar zelebrierenden Priester werfen, was wiederum den objektiven Charakter der Liturgie unterstrich.


Gebet zu Gott gewandt

Die äußere Gebetsrichtung der Gläubigen sollte immer der inneren Richtung des Gebetes – auf Christus ausgerichtet – entsprechen. Wenn der Priester und die Gemeinde in der hl. Messe zu Gott beten, so sprechen sie mit ihm. Folglich sollten beide auf Gott hin ausgerichtet stehen, weil es schon allein der Höflichkeit gebietet, dass wir unser Gegenüber anschauen, wenn wir mit ihm sprechen. Die gemeinsame Gebetsrichtung von Priester und Volk ist zugleich ein äußeres Zeichen der Einheit, indem alle gemeinsam in eine Richtung blicken.

Das Gebet nach Osten drückt laut dem heiligen Thomas von Aquin (II,II,84,3 ad 3) schließlich auch die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies aus.

Verfasser des Textes: C. S.

 

Quellen:

  • Gamber, Klaus: Die Reform der römischen Liturgie; Regensburg 1981 (2. Auflage), S. 46ff.
  • Lang, Michael Uwe: Conversi ad dominum. Zu Geschichte und Theologie der christlichen Gebetsrichtung; Freiburg 2006 (4. Auflage), S. 31, 33.
  • Ramm, Martin: Zum Altare Gottes will ich treten; Thalwil 2005, S. 10f.